Matthias Benz ist CEO der Zeppelin Gruppe mit Sitz in Friedrichshafen und Garching bei München.
Marco Henry Neumueller: Du bist seit 2024 CEO der Zeppelin Gruppe. Was hat Dich persönlich an Zeppelin gereizt – und was hat Dich überzeugt, diese Verantwortung zu übernehmen?
Matthias Benz: Nach meiner Zeit bei ZF, insgesamt zwanzig Jahre im Konzern, davon elf Jahre im Ausland, bin ich zunächst bewusst in ein Familienunternehmen gewechselt. Das war mit rund drei Milliarden Umsatz auch kein kleines Unternehmen. Ich habe mich dort sehr wohlgefühlt – vor allem wegen der Möglichkeit, zu gestalten. Entscheidungen in einem Familienunternehmen sind anders – sie sind schneller, direkter und werden oft gemeinsam mit dem Eigentümer getroffen. Das war genau mein Ding, weil es sehr unternehmerisch ist.
Und dann kam der Anruf von Zeppelin. Die Eigentümerstruktur mit der Zeppelin-Stiftung war mir aus meiner Zeit bei ZF bekannt und als ich mich intensiver mit dem Unternehmen beschäftigte, habe ich schnell gemerkt: Das spricht mich an! Zeppelin bespielt große Megatrends und die Produkte begeistern mich. Dazu kommen einerseits die Wurzeln in Süddeutschland und andererseits eine internationale Ausrichtung. Und mit der Zeppelin-Stiftung verfügt die Zeppelin Gruppe über eine stabile Gesellschafterstruktur, die es erlaubt, aktiv zu gestalten und langfristig zu denken. Und nicht zuletzt waren es die Menschen, die Zeppeliner, die jeden Tag mit großer Begeisterung und Tatkraft an ihre Arbeit gehen. Diese Kombination aus Stabilität, unternehmerischem Handeln, spannenden Produkten und einer einzigartigen Unternehmenskultur hat für mich perfekt gepasst.
Marco Henry Neumueller: Du führst ein stiftungsgetragenes Unternehmen. Was ist für Dich der größte Unterschied zwischen einem Stiftungsunternehmen und einem klassischen Industrieunternehmen?
Matthias Benz: Zeppelin ist auch ein klassisches Industrieunternehmen. Mir ist wichtig, das klarzustellen: Ich führe kein Stiftungsunternehmen, sondern ein Unternehmen im Eigentum einer Stiftung. Das ist ein entscheidender Unterschied. Viele Menschen haben lange geglaubt, dass Ertrag und Performance bei uns nicht denselben Stellenwert haben wie in anderen Unternehmen. Das ist aber nicht richtig. Leistungsfähigkeit und Wettbewerbsfokus hatten und haben bei uns dieselbe hohe Priorität. Wir stehen genauso im Wettbewerb wie andere Unternehmen und haben die Notwendigkeit, uns selbst zu finanzieren. Und man darf nicht vergessen: Auch die Stiftung erwartet eine Dividende.
Gleichzeitig ermöglicht uns diese Gesellschafterstruktur, langfristig zu denken. Wir planen nicht nur in Quartalen, sondern in Jahren und sogar in Dekaden – uns ist nachhaltiges, profitables Wachstum sehr wichtig. Als Unternehmen im Eigentum einer Stiftung haben wir einen Ewigkeitsauftrag.
Marco Henry Neumueller: Zeppelin spricht in seiner Strategie von Wachstum, Performance und nachhaltiger Stabilität. Wo siehst Du im Alltag die größten Zielkonflikte zwischen diesen drei Polen?
Matthias Benz: Im Alltag geht es weniger um einen Gegensatz zwischen Wachstum, Performance und Stabilität als um deren Balance. Wachstum braucht wirtschaftliche Stärke und klare Prioritäten. Stabilität wiederum entsteht nur, wenn Entscheidungen langfristig und verantwortungsvoll getroffen werden. Der größte Spannungsbogen entsteht dort, wo wir gleichzeitig investieren, effizient bleiben und Resilienz sichern wollen. Unser Anspruch ist deshalb, Wachstum nicht um jeden Preis zu suchen, sondern profitabel, nachhaltig und im Einklang mit unserer Kultur zu gestalten. Und genau darin liegt auch eine wichtige Führungsaufgabe.
Marco Henry Neumueller: Zeppelin hat im letzten Jahr die größte Akquisition in der Unternehmensgeschichte vollzogen und steht vor deren abschließender Integration. Das Unternehmen wurde dadurch auch deutlich internationaler. Wie gelingt ein solches Wachstum, ohne dass Kultur und Verbindlichkeit auf der Strecke bleiben?
Matthias Benz: Wir sehen diese Akquisition nicht als Übernahme im klassischen Sinne, sondern als echte Bereicherung, weil wir enorme Kompetenz dazugewonnen haben. Aber ja, entscheidend ist auch die kulturelle Integration. Beide Unternehmen haben gewachsene Kulturen, die sich über viele Jahrzehnte entwickelt haben. Jetzt ist der Zeitpunkt, gemeinsam zu definieren, wie unsere zukünftige Kultur aussehen soll.
Das bedeutet konkret, dass beide Seiten ihre kulturellen Attribute zur Diskussion stellen und wir daraus gemeinsam ein neues Wertefundament entwickeln. Das Ergebnis wird sich wahrscheinlich nicht radikal unterscheiden, aber der Prozess ist entscheidend, weil er Zusammenhalt schafft.
Marco Henry Neumueller: Welche der vier Geschäftseinheiten – Construction Industry & Mining, Rental, Power Systems oder Plant Engineering – hat aus Deiner Sicht derzeit das größte Transformationspotenzial?
Matthias Benz: Wir sind historisch stark über Infrastruktur gewachsen – nach dem Zweiten Weltkrieg, während der Wiedervereinigung und durch internationale Expansion. Dieses Wachstum war stark vom Construction-Bereich geprägt, der nach wie vor sehr wichtig bleibt.
Das größte zukünftige Potenzial liegt aber in der Energie. Das ist der zentrale Megatrend, auf den wir setzen. Energie wird für uns der entscheidende Wachstumstreiber der Zukunft sein.
Marco Henry Neumueller: Welche Rolle spielt die Energie- und Nachhaltigkeitstransformation konkret für Zeppelin – in den Märkten, bei den Produkten und im eigenen Betrieb?
Matthias Benz: Eine sehr wichtige!Energie ist für uns ein bedeutendes Thema in verschiedener Hinsicht und sie betrifft alle unsere Geschäftsbereiche: von einzelnen Komponenten über komplette Systeme bis hin zur Elektrifizierung von Baustellen. Dazu kommt die Softwareebene, über die alles miteinander verbunden wird. Wir denken dabei in unterschiedlichen Leveln, fast wie in einem Parkhaus mit mehreren Stockwerken. Energie ist also kein einzelnes Thema, sondern ein System von verschiedenen Wachstumspfaden, die zusammenwirken – übrigens auch, wenn wir über Energiesicherheit und damit über die Resilienz unserer Wirtschaft und Gesellschaft sprechen.
Marco Henry Neumueller: Was macht für Dich die besondere Zeppelin Kultur aus und woran merken Mitarbeitende und Kunden, dass diese Kultur wirklich gelebt wird?
Matthias Benz: Was mich besonders beeindruckt, ist die Begeisterung der Menschen für das, was sie tun. Unsere Mitarbeitenden sind von ihrer Arbeit und vom Unternehmen absolut überzeugt und das zeigt sich im Alltag. Das ist ein enormer Wert, den wir unbedingt bewahren wollen.
Gleichzeitig gibt es Aspekte, die ich verändern möchte. Zeppelin hat mehr als zehn Jahre kontinuierliches Wachstum erlebt. In dieser Zeit hat sich eine Kultur entwickelt, die wenig auf Transformation ausgerichtet ist. Unser Entscheidungs- und Veränderungsmuskel muss daher wieder mehr trainiert werden. Genau daran arbeiten wir gerade. Denn die Welt wird in Zukunft deutlich volatiler sein und darauf müssen wir uns vorbereiten. Das bedeutet konkret mehr Resilienz, klarere Entscheidungen und die Fähigkeit zur Veränderung.
Marco Henry Neumueller: Welchen Rat würdest Du jungen Führungskräften geben, die in Familien- oder Stiftungsunternehmen Verantwortung übernehmen wollen?
Matthias Benz: Mein wichtigster Rat ist, genau zu schauen, welche Ziele und Werte der Eigentümer hat und ob man sich damit identifizieren kann. Das gilt sowohl für Familien als auch für Stiftungen. Am Ende ist es entscheidend, ob man hinter diesen Zielen stehen kann. In Familienunternehmen ist das besonders relevant, weil man es oft mit konkreten Personen oder einer Familie zu tun hat, deren Werte das Unternehmen prägen. Denn langfristig wird man selbst davon geprägt.
Marco Henry Neumueller: Ich danke Dir für diesen Austausch.
