Neumueller notiert: Die Suche nach Superman im AnzugNeumueller notiert: Die Suche nach Superman im Anzug

Neumueller notiert: Die Suche nach Superman (m/w/d) im Anzug

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Früher suchte man einen Vorstand. Heute sucht man eine Lösung für die Weltlage – verpackt in einer Person.

Das Mandat beginnt meist harmlos. Ein solider Mittelständler, familiengeführt, gute Marktposition, die Zahlen ordentlich, die Zukunft – nun ja – anspruchsvoll. Eine Schlüsselposition ist vakant. „Wir müssen zügig nachbesetzen“, heißt es dann. Ein Satz, der zuverlässig signalisiert, dass es dauern wird.

Denn zügig bedeutet heute vor allem: gründlich.

Zunächst klärt man die Basics. Branche, Größe, Erfahrung. Das geht schnell. Kunststoff, kein Metall. Mittelstand, kein Konzern. International, aber bitte nicht zu komplex. Bis hierhin wirkt alles noch wie früher.

Dann beginnt die eigentliche Differenzierung.

Die gesuchte Person sollte strategisch denken können, aber operativ bleiben. Transformationsstark sein, aber die Mannschaft mitnehmen. International erfahren, aber kulturell anschlussfähig. Durchsetzungsfähig, aber nicht zu hart. Sichtbar, aber nicht dominant.

Also: alles. Und zwar in der richtigen Dosierung.

Das Alter wird ebenfalls präzise verortet. Zu jung ist riskant, zu alt auch. Die ideale Spanne liegt irgendwo zwischen „noch entwicklungsfähig“ und „noch lange verfügbar“. Dass sich das selten exakt deckt, wird stillschweigend in Kauf genommen.

Dann kommt die Frage nach Diversität. Die ist berechtigt, überfällig und richtig. Nur wird sie nicht selten wie eine zusätzliche Bedingung behandelt – nicht als Selbstverständlichkeit, sondern als weiteres Kriterium im ohnehin schon überladenen Anforderungskatalog.

Am Ende entsteht ein Profil, das bemerkenswert stimmig klingt. In sich logisch, sorgfältig austariert, frei von Widersprüchen.

Und gleichzeitig so spezifisch, dass es kaum noch real existiert.

Die Suche beginnt dennoch. Kandidaten werden gefunden, gesprochen, bewertet. Und regelmäßig für gut befunden – mit Einschränkungen. Zu viel hiervon, zu wenig davon. Falscher Stall, falsche Prägung, falscher Zeitpunkt.

Es fehlt selten an Argumenten.

Was fehlt, ist der Moment, in dem jemand sagt: Das reicht.

Denn genau dieser Moment ist riskant geworden. Wer heute entscheidet, legt sich fest. Und wer sich festlegt, könnte falsch liegen. In einer Zeit, die von Unsicherheit geprägt ist, wirkt das wie ein unnötiges persönliches Risiko – insbesondere dort, wo Verantwortung geteilt wird und Haftung diffus ist.

Also verschiebt man die Entscheidung.

Nicht aus Nachlässigkeit. Sondern aus Sorgfalt.

Nicht aus Unfähigkeit. Sondern aus dem Wunsch, es richtig zu machen.

Nur: „richtig“ ist in diesem Kontext kein erreichbarer Zustand mehr. Sondern eine Annäherung, die sich beliebig verlängern lässt.

Und so zieht sich das Mandat. Woche um Woche, Runde um Runde. Die Vakanz bleibt, die Anforderungen wachsen, die Geduld nimmt ab – nur die Entscheidung rückt nicht näher.

Am Ende bleibt eine leise Erkenntnis, die niemand gern ausspricht:

Die eierlegende Wollmilchsau gibt es nicht.

Und selbst wenn es sie gäbe – sie hätte inzwischen längst selbst abgesagt.