Marie Niehaus-Langer mit Dr. Marco Henry Neumueller

FiFo Talk mit Marie Niehaus-Langer: „Die Zeit ist vorbei, in der wir uns darauf berufen können, dass unsere Qualität besser ist.“

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Marie Niehaus-Langer ist Geschäftsführende Gesellschafterin und CEO von EOS, ein führender Anbieter industrieller 3D-Drucklösungen mit Hauptsitz in Krailling bei München.

Marco Henry Neumueller: Als du im Oktober 2019 die CEO-Rolle bei EOS übernommen hast, war schnell klar, dass das Unternehmen nicht einfach nur wachsen, sondern sich auch neu aufstellen musste. Welche Veränderung war intern am schwierigsten durchzusetzen – und woran hast du gemerkt, dass der Wandel wirklich angekommen ist?

Marie Niehaus-Langer: Als ich übernommen habe, war das größte Thema, dass wir nicht mehr so stark gewachsen sind, wie wir es geplant hatten – und auch nicht so stark wie der Markt. Der Hauptgrund war, dass sich das Wettbewerbsumfeld massiv verändert hatte. Über viele Jahre waren wir technologisch nahezu allein auf weiter Flur. Mit dem Boom der additiven Fertigung ab etwa 2010 kamen jedoch zahlreiche neue Wettbewerber hinzu – in Europa, den USA und auch aus China.

Für uns bedeutete das eine grundlegende Veränderung unseres Denkens. Wir mussten weg von einer Inside-out-Perspektive hin zu einem konsequenten Outside-in-Ansatz. Es ging nicht mehr nur darum, die beste Technologie zu entwickeln, sondern viel stärker darum zu verstehen, was Kunden wirklich brauchen, wie sich der Wettbewerb entwickelt und wie wir schneller reagieren können – bei Produkten, Preisen und Services.

Die größte Herausforderung bestand darin, bestehende Silos aufzubrechen. Entwicklung, Vertrieb und andere Bereiche arbeiteten über viele Jahre sehr getrennt voneinander. Diese Zusammenarbeit neu zu organisieren und gemeinsam marktorientiert zu handeln, war ein tiefgreifender kultureller Wandel. Heute sehen wir gerade mit Blick auf China, wie wichtig Geschwindigkeit geworden ist. Deshalb haben wir unsere Arbeitsweise, unser Performance-Management, unsere Zielsysteme und auch unsere interne Kommunikation konsequent weiterentwickelt. Dieser Wandel prägt EOS bis heute.

Marco Henry Neumueller: EOS hat für ein Unternehmen eurer Größenordnung ein vergleichsweise großes Executive Board. Dahinter steckt vermutlich eine bewusste Entscheidung. Warum habt ihr euch für diese Führungsstruktur entschieden? Und wie sorgst du dafür, dass ein so breit aufgestelltes Führungsteam schnell und gleichzeitig geschlossen entscheidet?

Marie Niehaus-Langer: Die Zusammensetzung unseres Executive Boards spiegelt sehr bewusst wider, wo heute die Transformation unseres Unternehmens stattfindet. Unterschiedliche Märkte und Geschäftsbereiche sowie Themen wie Digitalisierung, KI oder kulturelle Transformation und Wachstumsfinanzierung erfordern spezifische Expertise.

Unser US-Geschäft beispielsweise wächst besonders dynamisch und bringt ganz andere Anforderungen mit als Europa. Gleichzeitig unterscheiden sich unser Metall- und Kunststoffgeschäft erheblich. Deshalb brauchen wir Führungskräfte, die diese Bereiche sehr fokussiert verantworten.

Als ich gestartet bin, musste ich zunächst verstehen, wie das Unternehmen tatsächlich funktioniert. Ich habe bewusst viele Verantwortliche näher an mich herangeholt, um Transparenz zu schaffen. Damals hatte ich sogar 14 Direct Reports – heute ist die Struktur deutlich fokussierter.

Ein wichtiger Grund für diese Organisationsform war die Erfahrung, dass Informationen in klassischen Hierarchien häufig zu spät ankommen. Mir ist wichtig, die relevanten Themen früh auf dem Tisch zu haben und Entscheidungen schnell treffen zu können. Gleichzeitig überprüfen wir unsere Struktur regelmäßig und passen sie an neue Anforderungen an. Heute haben wir aus meiner Sicht ein sehr gutes internationales Setup mit den richtigen Kompetenzen für unsere Märkte, Produkte und Shared Services und unterschiedlichen Perspektiven, die für uns eine Voraussetzung für gute Entscheidungen in einem komplexen Markt und in der heutigen Welt sind.

Marco Henry Neumueller: EOS ist 2025 bewusst in die Verteidigungsindustrie eingestiegen und hat diesen Schritt mit einer eigenen Responsible-Manufacturing-Policy begleitet. Was war die Motivation für diese Entscheidung? Und nach welchen Grundsätzen entscheidet ihr heute, welche Anwendungen und Kunden zu euren Werten passen – und welche nicht?

Marie Niehaus-Langer: Ich komme aus einer sehr pazifistischen Familie. Auch als Familienunternehmen standen wir diesem Markt traditionell sehr distanziert gegenüber. Zwar ließ sich gerade in den USA eine vollständige Trennung nie realisieren, aber wir haben Verteidigungsanwendungen nie aktiv vermarktet und dafür klare interne Regeln geschaffen.

Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat sich unsere Sichtweise jedoch verändert. Uns wurde bewusst, dass Europa seine Verteidigungsfähigkeit stärken muss. Daraus entstand unsere Responsible Manufacturing Policy.

Heute beliefern wir grundsätzlich NATO-Staaten. Für alle anderen Länder gelten zusätzliche Prüfungen. Wir analysieren Eigentümerstrukturen, Anwendungsfälle und führen umfassende Compliance-Checks durch. Gleichzeitig schließen wir bestimmte Anwendungen grundsätzlich aus – etwa Landminen oder chemische Waffen. Solche Technologien werden durch unsere Systeme nicht ermöglicht.

Mir ist dabei wichtig zu betonen: Es gibt in diesem Bereich selten einfache Schwarz-Weiß-Entscheidungen. Wir überprüfen unsere Regeln kontinuierlich und passen sie an neue Entwicklungen an. Unser Ziel ist es, demokratische Gesellschaften verteidigungsfähig zu halten, ohne dabei unsere Werte aus den Augen zu verlieren.

Marco Henry Neumueller: EOS zählt zu den Pionieren des industriellen 3D-Drucks. Wo steht die additive Fertigung heute wirklich – und welche Entwicklungen werden die Fertigungsindustrie in den kommenden zehn Jahren am stärksten verändern?

Marie Niehaus-Langer: In vielen Branchen ist die additive Fertigung inzwischen in der Serienproduktion angekommen – etwa in der Luft- und Raumfahrt, der Medizintechnik, im Energiesektor oder auch in bestimmten Verteidigungsanwendungen. Dort liefert die Technologie heute einen klaren wirtschaftlichen Mehrwert.

Die nächste Entwicklungsstufe besteht darin, die Technologie weiter zu industrialisieren und gleichzeitig kostengünstiger zu machen. Viele Unternehmen haben nach der ersten Euphorie zunächst Zeit benötigt, um Anwendungen zu qualifizieren und Produktionsprozesse aufzubauen. Genau diese Phase haben wir inzwischen weitgehend hinter uns.

Aktuell erleben wir eine enorme Marktdynamik. Unsere Nachfrage liegt deutlich über den ursprünglichen Planungen.

In den kommenden Jahren werden Digitalisierung und Künstliche Intelligenz die Entwicklung zusätzlich beschleunigen. KI wird Produktdesign, Prozessoptimierung und Qualitätsmanagement grundlegend verändern und additive Fertigung für deutlich mehr Unternehmen zugänglich machen. Ich bin überzeugt: Diese Technologie wird weiter wachsen und ihre industrielle Bedeutung deutlich ausbauen.

Marco Henry Neumueller: Viele Unternehmen werben heute mit Nachhaltigkeit. Was bedeutet verantwortungsvolle Produktion für EOS ganz konkret – und ist Nachhaltigkeit inzwischen auch ein echter Wettbewerbsvorteil?

Marie Niehaus-Langer: Nachhaltigkeit ist für mich persönlich ein zentraler Antrieb als Gesellschafterin. Unser Ziel war immer, nicht nur innovative Fertigungstechnologien anzubieten, sondern gleichzeitig nachhaltigere Produktionsmöglichkeiten gegenüber konventionellen Verfahren zu schaffen.

Deshalb haben wir Nachhaltigkeit strategisch deutlich stärker verankert. Wir haben 2020 unseren Purpose „Responsible Manufacturing“ eingeführt, was für uns eine klare Verantwortung entlang der gesamten Wertschöpfung, technologisch und ethisch, bedeutet.  Zudem berichtet unsere Sustainability-Abteilung direkt an mich. Wir haben systematisch ein Carbon Accounting aufgebaut, unsere Materialkreisläufe verbessert und arbeiten kontinuierlich daran, ressourcenschonendere Produkte und Prozesse zu entwickeln.

Ein gutes Beispiel ist die Wiederverwendung von Materialien. Wenn Kunden dadurch gleichzeitig Kosten sparen, entsteht ein unmittelbarer wirtschaftlicher Nutzen. Genau solche Lösungen treiben wir bei EOS voran. Mit Innovationen wie unserem Recycling Filter System (RFS Pro) ermöglichen wir es beispielsweise, deutlich mehr Metallpulver wieder in den Prozess zurückzuführen, Abfall zu reduzieren und gleichzeitig den Umgang mit Pulver sicherer und effizienter zu gestalten. Nachhaltigkeit und Produktivität gehen dabei Hand in Hand.

Genau dieser Ansatz prägt auch unser neues Metallsystem EOS M4 ONYX. Das positive Feedback unserer Kunden zeigt, dass Lösungen, die Nachhaltigkeit und Produktivität miteinander verbinden, auf großes Interesse stoßen. Gleichzeitig beobachten wir, dass die Erwartungen an Nachhaltigkeit je nach Markt unterschiedlich ausgeprägt sind. Unser Anspruch bleibt dennoch derselbe: Wir entwickeln Lösungen, die ökologische Verantwortung mit wirtschaftlichem Mehrwert verbinden.

Marco Henry Neumueller: EOS ist in einer Branche tätig, die sich rasant verändert. Welche Vorteile hat es gerade in einem solchen Umfeld, ein Familienunternehmen zu sein? Und gibt es auch Momente, in denen die langfristige Eigentümerstruktur Entscheidungen schwieriger macht?

Marie Niehaus-Langer: Ich bin mit Unternehmertum aufgewachsen. Mein Vater war Gründer und Unternehmer – das Familienunternehmen war zunächst eher die Organisationsform. Mit der zweiten Generation ist der Familienaspekt noch stärker geworden.

Gerade heute sehe ich darin einen enormen Vorteil. Viele Unternehmen unserer Branche wurden in den vergangenen Jahren von kurzfristigen Finanzierungslogiken und Börsenerwartungen geprägt. Als Familienunternehmen können wir deutlich langfristiger denken.

Natürlich müssen auch wir wirtschaftlich erfolgreich sein. Aber wir müssen nicht ausschließlich dem nächsten Quartalsbericht folgen. Unsere Familie verfolgt seit Jahrzehnten dieselbe Vision: den industriellen 3D-Druck voranzubringen. Diese langfristige Orientierung gibt unseren Mitarbeitenden Stabilität und schafft Vertrauen – gerade in Zeiten großer Veränderungen.

Marco Henry Neumueller: Wenn wir uns in zehn Jahren wieder treffen: Woran würdest du erkennen, dass deine Generation die Geschichte von EOS erfolgreich weitergeschrieben hat? Welche Ziele wären dann erreicht – jenseits von Umsatz und Marktanteilen?

Marie Niehaus-Langer: Ein zentrales Ziel ist die vollständige End-to-End-Digitalisierung unseres Unternehmens. Wir müssen Prozesse konsequent automatisieren, Künstliche Intelligenz sinnvoll einsetzen und dadurch deutlich schneller werden. Die Zeit, in der wir uns allein auf unsere Qualitätsführerschaft verlassen konnten, ist vorbei. Wir müssen mindestens genauso schnell innovieren wie unsere internationalen Wettbewerber.

Gleichzeitig geht es aber um weit mehr als Technologie. Ich wünsche mir, dass EOS auch künftig gesellschaftliche Verantwortung übernimmt – sei es beim Klimaschutz, bei nachhaltiger Produktion oder durch das Engagement unserer Mitarbeitenden.

Familienunternehmen haben traditionell immer Verantwortung für ihr Umfeld übernommen. Diesen Gedanken möchte ich auf meine Weise weiterentwickeln. Wenn wir in zehn Jahren sagen können, dass wir technologisch führend geblieben sind und gleichzeitig als werteorientiertes, verantwortungsbewusstes Unternehmen echten gesellschaftlichen Impact geschaffen haben, dann wäre das für mich ein großer Erfolg.

Marco Henry Neumueller: Ganz herzlichen Dank, liebe Marie, für dieses Gespräch.