Dr. Marco Henry Neumueller mit Dr. Erek Speckert (Kern Liebers)

FiFo Talk mit Erek Speckert: „Hidden hilft letztendlich aber nicht“

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Dr. Erek Speckert ist CEO der KERN LIEBERS GmbH & Co. KG in Schramberg.

Marco Henry Neumueller: Als Sie 2021 die Führung von KERN LIEBERS übernommen haben, befand sich die Automobilindustrie bereits im Umbruch. Heute setzt KERN LIEBERS konsequent auf eine breitere industrielle Aufstellung. Was waren aus Ihrer Sicht die wichtigsten strategischen Weichenstellungen der vergangenen Jahre – und welche Entscheidungen waren dabei besonders schwierig?

Erek Speckert: Die Wandlung von einer Group of Companies mit vielen akquirierten, aber nicht integrierten Unternehmen weltweit hin zu einem einheitlichen Unternehmen sowie die konsequente Portfoliobereinigung im Hinblick auf unser Kerngeschäft. Wir haben dadurch unseren Kundenfokus ausbauen, uns von nicht strategischem Geschäft trennen und Synergien in allen Bereichen realisieren können. Gleichzeitig wurden Kultur, Werte und Marke weiterentwickelt.

Marco Henry Neumueller: Sie führen ein Familienunternehmen mit einer über 135-jährigen Geschichte, gehören selbst aber nicht zur Unternehmerfamilie. Wie gelingt es, einerseits die langfristigen Werte eines Familienunternehmens zu bewahren und andererseits auch unbequeme Veränderungen konsequent umzusetzen?

Erek Speckert: Das eine schließt das andere nicht aus – im Gegenteil: Beide bedingen einander. Familienunternehmen und ihre Gesellschafter handeln immer langfristig orientiert. Langfristiger, nachhaltiger Erfolg ist wichtiger als kurzfristige Erfolgsnachrichten; ein externer Manager muss hier analog zu einem Eigner handeln. Wenn unbequeme Veränderungen für den langfristigen Erfolg notwendig sind, müssen auch diese konsequent umgesetzt werden. Wie gesagt: Das eine schließt das andere nicht aus. Im Gegenteil, auch Familienunternehmen können sich kein zögerliches, emotionales Handeln mehr leisten, wenn sie erfolgreich sein wollen.

Marco Henry Neumueller: KERN LIEBERS produziert weltweit und ist gleichzeitig tief in Deutschland verwurzelt. Viele Industrieunternehmen klagen über hohe Kosten, Bürokratie und mangelnde Wettbewerbsfähigkeit. Welche Voraussetzungen braucht der Industriestandort Deutschland, damit Familienunternehmen auch in zehn oder zwanzig Jahren noch erfolgreich hier produzieren können?

Erek Speckert: Ich höre sehr oft den Ruf nach Subventionen oder Zöllen zum Schutz der eigenen Wirtschaft. Beides wird aus meiner Sicht die deutsche Wirtschaft nicht retten; es verschiebt das Kernproblem lediglich in die Zukunft. Unser Lohnkostenniveau ist im internationalen Vergleich einfach nicht mehr wettbewerbsfähig. Das Problem ist hierbei nicht nur die Höhe der Gehälter, sondern auch die Höhe der Lohnnebenkosten. Wenn wir nicht verstehen, dass die fetten Jahre vorbei sind und wir wieder mehr arbeiten müssen – und das bei wahrscheinlich weniger Gehalt –, werden die Industrieunternehmen weiter Arbeitsplätze in Deutschland abbauen müssen. Aktuell rechnet sich das nicht mehr. Auch unsere Regierung muss hier endlich liefern und sich weniger mit sich selbst beschäftigen. Es braucht dringend klare, positive Signale in Richtung der Wirtschaft.

Marco Henry Neumueller: Sie haben angekündigt, KERN LIEBERS stärker in Bereichen wie Medizintechnik und anderen industriellen Anwendungen wachsen zu lassen. Worauf achten Sie, wenn Sie entscheiden, welche Märkte langfristig zur DNA von KERN LIEBERS passen – und welche vielleicht nicht mehr?

Erek Speckert: KERN LIEBERS zeichnet sich vor allem durch präzise und intelligente Lösungen aus. Unsere Smart Springs und Smart Parts sind immer maximal systemrelevant, auch wenn man sie in einem System oft nicht sieht. Wir nennen unsere Produkte deshalb INVISIBLE HEROES, ein Titel, den sie wirklich verdient haben! Von Sicherheitsgurten und Bremspedalfedern bis hin zu Einmalspritzen für Insulin – auf unsere Federn ist Verlass, und das seit dem Jahr 1888. Wir sind weltweit mit über 40 Standorten überall dort vertreten, wo unsere Kunden uns brauchen.

Marco Henry Neumueller: Vor KERN LIEBERS haben Sie viele Jahre in China, Japan und anderen internationalen Märkten gearbeitet. Gibt es Führungsprinzipien oder Erfahrungen aus dieser Zeit, die Sie heute bewusst in einem deutschen Familienunternehmen anwenden?

Erek Speckert: Ich habe im Laufe meiner Karriere viel Positives, aber auch Negatives im Hinblick auf Führung gesehen und erlebt. Am Ende reduziert sich das bei mir auf drei Führungsattribute, die für mich über allem stehen: Fairness, Ehrlichkeit und Konsequenz – unabhängig von Kultur oder Märkten. Fairness und Ehrlichkeit sind die wichtigsten Führungsprinzipien, die ein CEO täglich vorleben muss, sonst wird es toxisch im Unternehmen. Dies schließt konsequentes Handeln jedoch nicht aus, auch nicht im Familienunternehmen. Ich bin der festen Überzeugung, dass dieses tägliche Vorleben in allen Kulturen und Märkten geschätzt wird.

Marco Henry Neumueller: KERN LIEBERS gehört zu den klassischen Hidden Champions des deutschen Mittelstands. Ist es heute überhaupt noch ein Vorteil, im Verborgenen erfolgreich zu sein – oder müssen Familienunternehmen künftig deutlich sichtbarer werden, um Talente, Kunden und Innovationen zu gewinnen?

Erek Speckert: KERN LIEBERS war vor vier Jahren noch eine Ansammlung von rund 20 kleinen Hidden Champions. Hidden hilft letztendlich aber nicht – nicht im Markt und nicht bei zukünftigen Mitarbeitenden. Hidden Champion ist eine sehr deutsch geprägte Auszeichnung. Für einen Kollegen oder Kunden in Indien oder China ist das durchaus erklärungsbedürftig. Wir suchen deshalb seit geraumer Zeit gezielt mehr die Sichtbarkeit. Wir haben sehr konsequent alle unsere Firmen in KERN LIEBERS umfirmiert und arbeiten intensiv an unserem nun gemeinsamen Markenauftritt. Wir sind stolz darauf, intelligente, zuverlässige und präzise Produkte zu fertigen. Verstecken müssen wir uns dafür aber nicht.

Marco Henry Neumueller: Wenn wir uns in zehn Jahren wieder treffen: Woran würden Sie erkennen, dass Ihre Zeit als CEO von KERN LIEBERS erfolgreich war? Welche Veränderungen würden Sie dann gerne sehen?

Erek Speckert: Grundsätzlich zunächst einmal daran, ob ich noch CEO bei KERN LIEBERS bin. Wenn ja, heißt das, dass die Gesellschafter der Firma mir über mehr als 15 Jahre hinweg das Vertrauen ausgesprochen haben, ihr Unternehmen zu führen. Das würde wahrscheinlich auch bedeuten, dass die in den vergangenen Jahren angestoßenen Veränderungen erfolgreich waren. Das heißt: Weltmarktführer mit unseren Smart Parts und Smart Springs, ein modernes und attraktives Unternehmen, das von unseren Kunden weltweit geschätzt wird und auf das unsere Mitarbeitenden stolz sind – ein Unternehmen, zu dem sie jeden Morgen gerne zur Arbeit kommen.

Marco Henry Neumueller: Ganz herzlichen Dank für dieses Gespräch.