Thomas Böck (Festo) mit Dr. Marco Henry Neumueller

Festo-CEO Thomas Böck im FiFo Talk: „Die Industrie braucht weniger Bürokratie und mehr Planungssicherheit“

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Thomas Böck ist CEO der Festo SE & Co. KG in Esslingen am Neckar.

Marco Henry Neumueller: Sie haben zum 1. Januar 2024 den Vorstandsvorsitz von Festo übernommen. Was hat Sie persönlich gereizt, diese Aufgabe in einem traditionsreichen Familienunternehmen zu übernehmen?

Thomas Böck: Ein wesentlicher Punkt war für mich die Struktur und Denkweise eines Familienunternehmens. Familienunternehmen denken nicht in Quartalen, sondern in Generationen. Diese langfristige strategische Orientierung, kombiniert mit der Möglichkeit, trotzdem flexibel auf Marktsituationen reagieren zu können, ist für mich ein sehr überzeugendes Modell. Diese Kombination aus langfristiger Stabilität und unternehmerischer Beweglichkeit ist etwas, das Familienunternehmen besonders auszeichnet.

Der zweite Punkt war die Technologie. Ich bin Technologe durch und durch, und Festo bietet eine enorme Bandbreite an Lösungen für eine Vielzahl an Industrien. Die Produkte sind vielseitig einsetzbar – u.a.  in hochinnovativen Bereichen. Diese technologische Vielfalt und die Möglichkeiten, in unterschiedlichsten Branchen Lösungen zu entwickeln, haben mich sehr gereizt.

Als ich dann zusätzlich die Menschen im Unternehmen kennengelernt habe – vom Vorstand über die Mitarbeitenden bis hin zur Eigentümerfamilie – hat sich mein Eindruck weiter bestätigt. Die Kultur, die Menschen und die langfristige Perspektive haben mich überzeugt, diese Aufgabe zu übernehmen.

Marco Henry Neumueller: Festo ist ein finanziell unabhängiges, deutsches Familienunternehmen. Welche kulturellen Werte oder Traditionen von Festo haben Sie besonders beeindruckt, und wie erleben Sie als „Fremdmanager“ die Zusammenarbeit mit der Eigentümerfamilie?

Thomas Böck: Was mich besonders beeindruckt hat, ist der Umgang miteinander. Man begegnet sich mit Respekt, und es gibt eine starke gemeinsame Ausrichtung auf die Themen und Ziele des Unternehmens. Diese Begeisterung für das Unternehmen ist spürbar.

Besonders deutlich wurde das beim 100-jährigen Jubiläum von Festo im letzten Jahr. Diese Verbundenheit war nicht nur im Headquarter in Esslingen zu spüren, sondern weltweit. Über alle Standorte hinweg war eine enorme Begeisterung und ein starker Zusammenhalt zu sehen. Das ist in dieser Form schon etwas Besonderes.

Was die Zusammenarbeit mit der Eigentümerfamilie angeht, ist externes Management bei Festo nichts Neues. Das Zusammenspiel zwischen Familie, Aufsichtsrat und Vorstand ist eingespielt. Am Ende geht es immer um Vertrauen, Transparenz und einen respektvollen Umgang miteinander. Man muss offen miteinander arbeiten und sich aufeinander einlassen. Ich habe von Anfang an eine sehr große Unterstützung gespürt, insbesondere wenn es darum geht, langfristig zu investieren und das Unternehmen weiterzuentwickeln. Das ist ein großer Vorteil eines Familienunternehmens.

Marco Henry Neumueller: Festo hat sich historisch vom Holzbearbeitungsmaschinen-Hersteller zum Automatisierungspionier gewandelt. Schlüsselerfindungen waren etwa die Ventilinsel in den 1980ern. Vor welchen neuen technologischen Herausforderungen steht Festo heute? Wie verbinden Sie den Innovationsanspruch des Unternehmens (etwa bei Digitalisierung und KI) mit seiner langen Tradition?

Thomas Böck: Festo hat in seiner Geschichte immer wieder Wendepunkte erlebt. Ein großer Wendepunkt war in den 1950er Jahren der Wechsel vom Holzbearbeitungsmaschinenhersteller hin zur Automatisierungstechnik. Später kamen Innovationen wie die Ventilinsel, die die Zusammenarbeit mit Kunden und die Lösung von Automatisierungsproblemen stark verändert haben.

Heute ist Innovation jedoch nicht mehr eine einzelne große Erfindung, sondern das Zusammenspiel verschiedener Technologien. Das Zusammenspiel aus pneumatischer und vor allem auch elektrischer Automatisierungstechnologie sowie Software, Digitalisierung und künstliche Intelligenz spielen eine immer größere Rolle. Es geht darum, Systeme miteinander zu verbinden und ganzheitliche Lösungen anzubieten.

Wir sprechen bei Festo deshalb von „Seamless Automation“. Das bedeutet, dass wir nicht nur pneumatische oder elektrische Automatisierung anbieten, sondern auch übergreifende Lösungen – inklusive Software, Digitalisierung und KI. Wir können je nach Anwendung die beste Technologie auswählen und kombinieren.

Das gilt nicht nur für klassische Fabrik- und Prozessautomation, sondern auch für Zukunftsmärkte wie die Wasserstoff- oder Halbleiterindustrie sowie die Life Science- und Biopharma-Branche In der Halbleiterindustrie können wir beispielsweise mit speziellen Pneumatikventilen und unserer einzigartigen Expertise in der Piezo-Technologie extrem präzise Positionierungen im Nanometerbereich ermöglichen. Das eröffnet uns große Wachstumschancen.

Der Vorteil unserer Technologien ist, dass wir viele Lösungen auf unterschiedliche Branchen übertragen können.

Marco Henry Neumueller: Festo ist weltweit präsent und fokussiert sich auf drei Regionen: Amerika, Asien (insbesondere China und Indien) und Europa. Wie navigiert Festo in diesem geopolitisch anspruchsvollen Umfeld und welche Rolle spielen dabei neue Märkte wie Indien? Zudem investiert Festo viel, um gestiegene Regulierungsanforderungen (z.B. EU-Lieferkettenberichte) zu erfüllen. Welche politischen Rahmenbedingungen braucht die Industrie, damit Unternehmen wie Festo auch international wettbewerbsfähig bleiben?

Thomas Böck: Festo hat sehr früh erkannt, dass man die Welt nicht ausschließlich von Deutschland aus bedienen kann. Deshalb sind wir seit vielen Jahren in wichtigen Regionen präsent und haben unsere Aktivitäten dort weiter ausgebaut. Wir haben beispielsweise ein großes Werk in Indien eröffnet und sind seit langem in China, Nordamerika und Kanada aktiv.

Unsere Strategie ist, möglichst lokal für lokale Märkte zu produzieren und teilweise auch vor Ort zu entwickeln. Diese regionale Aufstellung hilft uns, mit geopolitischen Unsicherheiten besser umzugehen.

Was wir von der Politik brauchen, ist vor allem Planungssicherheit. Unsicherheit ist Gift für Investitionen. Unternehmen investieren langfristig, und dafür brauchen sie stabile Rahmenbedingungen. Das betrifft sowohl die europäische als auch die deutsche Politik.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist Bürokratie. Dokumentationspflichten und regulatorische Anforderungen müssen in einem Maß bleiben, das für Unternehmen handhabbar ist. Das gilt für Unternehmen unserer Größe aber speziell natürlich auch für den Mittelstand. Unternehmen wollen verantwortungsvoll handeln Dafür braucht es aber nicht immer zusätzliche Auflagen, sondern auch Vertrauen in unternehmerische Verantwortung.

Marco Henry Neumueller: Festo betreibt mit Festo Didactic ein umfangreiches Bildungs- und Trainingsprogramm und fördert Aus-/Weiterbildung. Wie wichtig sind Ihnen Aus- und Weiterbildung sowie die Arbeitgebermarke, um dem Fachkräftemangel zu begegnen? Welche Maßnahmen verfolgt Festo, damit junge Talente für Automatisierungstechnik begeistert werden?

Thomas Böck: Ausbildung und Weiterbildung sind für Festo zentral. Festo ist weltweit nicht nur als Automatisierungsunternehmen bekannt, sondern auch Weltmarktführer im Bereich der technischen Aus- und Weiterbildung. Diese führende Rolle wollen wir weiter ausbauen.

Es geht dabei zum einen um die Sichtbarkeit der Marke Festo als Arbeitgeber – nicht nur in Deutschland, sondern weltweit, zum Beispiel in China oder Indien, wo wir mit sehr starker Konkurrenz um Talente konkurrieren.

Ein gutes Beispiel ist unser jahrzehntelanges Engagement bei den WorldSkills, der Weltmeisterschaft der Berufe. Festo war Anfang der 90er der erste „Global Industry Partner“ der WorldSkills-Organisation und spielt seitdem eine aktive Rolle bei der zukunftsorientierten Gestaltung der Wettbewerbsdisziplinen. Wir sind Hauptsponsor der sogenannten „Skills“ Mechatronik, Water Technology, Industrie 4.0 und Erneuerbare Energien. Hier steuern wir unter anderem modernste Lernsysteme und Komponenten von Festo Didactic bei.

Zum anderen geht es bei technischer Aus- und Weiterbildung aber auch um die Inhalte der Arbeit. Unser Versprechen, „Automation for a World in Motion“ bedeutet, dass wir an hochmodernen Technologien arbeiten und Produktionssysteme in Zukunftsindustrien wie Pharma oder Halbleiter entwickeln. Das ist für viele technisch interessierte junge Menschen sehr attraktiv. Technische Weiterbildung ist aber auch wichtig im Hinblick auf die sich verändernden Kompetenzanforderungen im Arbeitsleben, denn neue Branchen und Technologien erfordern auch neues Know-how.

Darüber hinaus bieten wir viele Entwicklungsmöglichkeiten im eigenen Unternehmen. Es gibt viele Karrierewege bei Festo, und Mitarbeitende können sich in unterschiedliche Richtungen entwickeln.

Marco Henry Neumueller: Es wird derzeit viel darüber diskutiert, dass künstliche Intelligenz vor allem klassische Einstiegsjobs (z.B. in Unternehmensberatungen) verändern oder teilweise ersetzen könnte. Wie wird sich aus Ihrer Sicht der Berufseinstieg in der Industrie in den kommenden Jahren verändern?

Thomas Böck: Es gibt aktuell die Diskussion, dass KI viele Standardaufgaben übernehmen wird und deshalb weniger Einstiegspositionen benötigt werden. Kurzfristig mag das in manchen Bereichen so wirken.

Wenn man jedoch langfristig denkt, entsteht ein Problem: Die erfahrenen Experten von morgen müssen heute ausgebildet werden. Wenn man heute keine Einsteiger mehr einstellt, fehlen in zehn Jahren die erfahrenen Führungskräfte und Experten.

Deshalb ist es wichtig, weiterhin Absolventen einzustellen und zu entwickeln. Die Arbeitsprofile werden sich durch KI stark verändern, aber Menschen werden weiterhin gebraucht – insbesondere, um Ergebnisse zu beurteilen, Entscheidungen zu treffen und KI kritisch zu hinterfragen. Diese Fähigkeit wird in Zukunft sogar noch wichtiger.

Marco Henry Neumueller: Festo betont seine Rolle als nachhaltig wirtschaftendes Unternehmen mit starkem ökologischen Bewusstsein. Wie trägt Festo durch sein Produktportfolio und interne Maßnahmen zu Ressourceneffizienz und Nachhaltigkeit bei?

Thomas Böck: Nachhaltigkeit ist ein zentraler Bestandteil unserer Unternehmensstrategie. Festo hat sich ambitionierte Net-Zero-Ziele gesetzt. Wir sind der Science Based Targets Initiative beigetreten und lassen unsere Fortschritte extern überprüfen.

Wir investieren weltweit in Photovoltaik und beziehen den zugekauften Strom aus erneuerbaren Quellen. Gleichzeitig optimieren wir kontinuierlich unsere Produktionsprozesse und Energieverbräuche.

Ein wichtiger Punkt ist außerdem unsere Technologie selbst. Unsere Automatisierungslösungen helfen Kunden, Energie zu sparen und effizienter zu produzieren. Wenn weniger Energie für Bewegungen oder Produktionsprozesse benötigt wird, reduziert das Kosten und CO₂-Ausstoß gleichzeitig.


Unser Ansatz ist deshalb ganzheitlich: Nachhaltigkeit entsteht nicht nur durch interne Maßnahmen, sondern auch durch effiziente Technologien für unsere Kunden.

Marco Henry Neumueller: Welchen Rat würden Sie Ihrem jüngeren Ich oder jungen Führungskräften in Familienunternehmen geben?

Thomas Böck: Mein Rat an junge Führungskräfte ist, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln, gleichzeitig aber offen und lernbereit zu bleiben. Wichtig ist außerdem, keine Angst davor zu haben, Verantwortung zu übernehmen. Wenn man bereit ist, Verantwortung zu tragen und kontinuierlich an sich arbeitet, stehen einem viele Möglichkeiten offen.

Rückblickend ist meine Karriere sehr schnell verlaufen. Manchmal hätte ich mir gewünscht, länger in einzelnen Positionen zu bleiben, um Projekte und Entwicklungen über einen längeren Zeitraum begleiten und die Ergebnisse stärker selbst erleben zu können. Oft kam schon der nächste Karriereschritt, bevor man die Früchte der eigenen Arbeit wirklich sehen konnte.

Grundsätzlich würde ich aber nichts komplett anders machen. Der Weg war eine sehr steile Lernkurve, und ich habe auf allen Positionen viel Wertvolles mitgenommen. Wenn ich mir selbst einen Rat geben könnte, dann wäre es, sich manchmal mehr Zeit zu nehmen und die persönliche Entwicklung bewusster zu erleben.

Marco Henry Neumueller: Herr Böck, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.