Dr. Marco Henry Neumueller rechts neben Thomas Handtmann

FiFo Talk mit Thomas Handtmann über anorganisches Wachstum, Eigenschaften von Fremdmanagern und die rechtzeitige Nachfolgeplanung

Thomas Handtmann, Geschäftsführender Gesellschafter der Handtmann Gruppe in Biberach/Riss

Marco Henry Neumueller: Lieber Herr Handtmann, der Maschinenbau und insbesondere auch die Automobilzuliefererindustrie hatten schon vor Corona keine einfache Zeit. Nun kam auch noch Corona hinzu. Wie steht es um Handtmann in diesen Zeiten und wie zuversichtlich blicken Sie in die Zukunft?

Thomas Handtmann: Im Augenblick relativ gut. Natürlich ist Corona noch nicht verschwunden, aber wir haben das Thema im Griff. Allerdings sind viele alten Herausforderungen noch präsent. Langfristig sehe ich beispielsweise eine Gefahr in der CO2-neutralen Wirtschaft, die von der Regierung mit allen Mitteln vorangetrieben wird. Auch wenn das Thema eher meine beiden Nachfolger, Markus Handtmann und Valentin Ullrich trifft, ist man natürlich immer noch mit dabei und macht sich so seine Gedanken, welche Auswirkungen das für unser Unternehmen haben wird.

Marco Henry Neumueller: Handtmann hat erst Anfang dieses Jahres Inotec erworben. 2018 kauften Sie HEIFO Fleischereimaschinen und die Firma Oelmaier. Welche Rolle spielt anorganisches Wachstum für Handtmann?

Thomas Handtmann: Von HEIFO haben wir lediglich den Vertrieb für die Wurstmaschinen, also die Fachabteilung Fleischereimaschinen, herausgekauft. Die Idee ist den Vertrieb in Deutschland auf Eigenvertrieb umzustellen – wie man dies auch bei unseren Mitbewerbern findet. Mit einem nun in Norddeutschland direkten Vertriebs- und Servicenetz trägt Handtmann diesem Wunsch Rechnung.

2018 haben wir die Oelmaier Industrieelektronik erworben und sie als sechster Geschäftsbereich in die Handtmann Unternehmensgruppe unter dem Namen Handtmann e-solutions eingegliedert. Dahinter steckt der Wunsch, auch in die Elektronik und Batteriemontage einzusteigen. Handtmann hat sich mit seinem Geschäftsbereich Leichtmetallguss in den vergangenen Jahrzehnten als Partner der Automobilindustrie etabliert. Diese Partnerschaften wollen wir auch im Bereich Elektromobilität weiterführen und ausbauen. Allerdings liegt hier aber noch ein weiter Weg vor uns. Dabei sind wir auf neue Impulse von außen angewiesen. Dazu gehört auch, das richtige Personal zu finden.

Wir müssen weiterhin aus eigener Kraft investieren. Solche Zukäufe können nämlich auch für Irritationen bei den Lieferanten sorgen. Beispielsweise wurde unser Zulieferer für die Elektronik der Wurstmaschinen mit dem Kauf von Oelmaier schon ganz nervös. Er hatte die Befürchtung, dass wir zukünftig eine noch tiefere Wertschöpfung anstreben und unsere Elektronik selbst produzieren, dabei liegt die Kompetenz von Oelmaier vornehmlich in der Elektronik für Bolzenschweißgeräte.

Ganz grundsätzlich gilt: Was man dazu kauft, muss auch dazu passen – mittel- bis langfristig muss sich so ein Zukauf auch rechnen. Momentan haben wir uns mit Oelmaier zunächst einmal eine große Aufgabe angelacht.

Marco Henry Neumueller: Familienunternehmen zeichnen sich häufig durch eine relativ lange Betriebszugehörigkeit der Mitarbeitenden aus. Wie hoch ist die durchschnittliche Dauer der Betriebszugehörigkeit bei Ihnen?

Thomas Handtmann: Die exakte Antwort lautet 13,7 Jahre. Ich habe mir die Statistik gerade vor unserem Gespräch noch von meinem Personalleiter ausdrucken lassen. Die Mitarbeiter fühlen sich bei Handtmann gut aufgehoben, hier kann man schaffen und der Chef ist freundlich [lacht]. Es ist völlig normal, dass ich hier durch die Gießerei laufe und die Mitarbeiter begrüße. Das hohe Maß an Selbständigkeit, das unsere Mitarbeiter bei Handtmann finden, ist sicherlich ein weiterer Grund dafür, dass wir eine recht überschaubare Fluktuation haben. Sicherlich gibt es aber auch Abgänge. Beispielsweise hatten wir Personen in der Entwicklung eingestellt, es aber offenbar versäumt, Ihnen klare Aufgaben und Freiheiten zu geben. Diese haben uns dann wieder verlassen. Daraus müssen wir lernen.

Marco Henry Neumueller: Wie sieht bei Ihnen die erste und zweite Führungsebene aus? Finden sich dort vornehmlich Eigengewächse oder holen Sie gerne frischen Wind von außen?

Thomas Handtmann: Sowohl als auch. Wenn wir den richtigen Kandidaten intern finden, dann geben wir diesem die Chance. Ansonsten stellen wir auch von extern ein. Allerdings muss hierfür auch das Umfeld geeignet sein.

Wir bieten bei Handtmann auch Seminarprogramme für Führungskräfte der unterschiedlichen Ebenen an. Dennoch liegt es dann bei jedem einzelnen, was er oder sie daraus macht. Dadurch, dass wir verschiedene Bereiche bei Handtmann abdecken, kann aber auch ein Wechsel in einen anderen Bereich eines Tochterunternehmens erfolgen.

Marco Henry Neumueller: Als Fremdmanager in einem Familienunternehmen überlebt nicht jeder. Wann ist man Ihrer Meinung nach für eine Karriere in einem Familienunternehmen gemacht?

Thomas Handtmann: Das lässt sich für mich in zwei Worte fassen: Loyalität und Aufrichtigkeit. Wenn das bei einem Mitarbeiter nicht vorhanden ist, kommt er irgendwann in Teufels Küche. Ich persönlich bin weder der bessere Techniker, noch der bessere Betriebswirt oder Controller. Ich lasse den Mitarbeitern ihre Freiräume. Sie dürfen sich beweisen und eigenständig arbeiten. Allerdings reagiere ich allergisch, wenn man mir geschönte Berichte vorlegt. Ich muss verstehen können, wie die Situation ist und dabei muss ich darauf vertrauen können, dass mir meine Mitarbeiter auch die Wahrheit sagen. Als Chef muss man doch wissen, ob wir überhaupt Kunden haben oder ob sie an uns vorbeilaufen [lacht].

Marco Henry Neumueller: Worauf sind Sie in Ihrem Leben richtig stolz?

Thomas Handtmann: Auch wenn es banal klingt: auf meine Frau und meine Kinder. Bei Handtmann steht auch die Familie im Vordergrund.

Marco Henry Neumueller: Bitte vervollständigen Sie den Satz: In einer Unternehmerfamilie aufgewachsen zu sein und das Familienunternehmen in die nächste Generation zu überführen bedeutet für mich….

Thomas Handtmann: …eine Notwendigkeit vor dem Hintergrund der Endlichkeit des Lebens. Für mich gibt es neben dem Unternehmen auch noch andere Themen wie Frau, Pferde, Bücher usw. Man muss irgendwann den Willen haben, sich zurückzuziehen. Sonst bleibt man so lange im Unternehmen, bis das nähere Umfeld davon Kenntnis nimmt, dass man den Absprung nicht geschafft hat. Dann ist es zu spät.

Meine Nachfolger sind bereits im Unternehmen tätig. Mein Sohn Markus Handtmann leitet den technischen Service und Valentin Ulrich kümmert sich um die EDV. Nachdem Valentin selbst noch kein Unternehmen führte, ist er Mitgeschäftsführer der Maschinenfabrik. Mein Sohn Markus war davor drei Jahre Leiter der Gießerei in China. Ich persönlich habe mir fest vorgenommen, dass ich im Jahre 2023 ausscheide und in den Beirat gehe. So ganz begeistert waren die beiden darüber aber nicht, da sie sich noch hier und da weiterbilden wollen, bis sie dann die große Aufgabe übernehmen. Für mich ist aber 2023 gesetzt.

Marco Henry Neumueller: Herr Handtmann, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Über das Familienunternehmen Handtmann

Die 1873 gegründete Handtmann Unternehmensgruppe ist mit Sitz in Biberach/Riss ein weltweit agierendes Familienunternehmen in vierter Generation und verfügt in ca. 100 Ländern über eigene Produktionsstätten, Niederlassungen und Werksvertretungen. Durch Technologieorientierung und Innovationskraft hat Handtmann mit seinen Produkten weltweit führende Positionen auf den Märkten erreicht. In sechs Geschäftsbereichen erstreckt sich die Produktpalette von Aluminium-und Magnesiumgussteilen sowie Systemlösungen für die Automobilindustrie, Maschinen- und Anlagenbau für die Lebensmittel- und Biotechnologie bis hin zur Kunststofftechnik und Leistungselektronik. Das Unternehmen beschäftigt etwa 3.800 Mitarbeiter und erwirtschaftete 2019 einen Umsatz in Höhe von 861 Millionen Euro.

Über Thomas Handtmann

Thomas Handtmann, geb. 1953, absolvierte nach dem Abitur am Wieland-Gymnasium in Biberach eine Ausbildung zum Maschinenschlosser bei der ZF Friedrichshafen (1972-1975). Im Anschluss an den Grundwehrdienst folgte ein Studium im Maschinenbau an der ETH Zürich (1976-1980). Von 1980-1982 war Thomas Handtmann bei der Liebherr Verzahntechnik in Kempten als Konstrukteur beschäftigt. 1982 folgte der Eintritt in die Firma Handtmann. Im Jahr 1998 wurde ihm die Leitung der Unternehmensgruppe von seinem Vater Arthur Handtmann übertragen. Thomas Handtmann ist verheiratet und hat sechs Kinder.

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