Dr. Marco Henry Neumueller mit Willi Prettl (Prettl Group)

NextGen Talk mit Willi Prettl über Nachhaltigkeit als Lebensaufgabe, eine enge Zusammenarbeit mit Bosch und wie seine Frau den Grundstein für sein heutiges Denken legte

Willi Prettl ist Gesellschafter und Mitglied der Geschäftsführung der Prettl Group in Pfullingen sowie seit 2019 Honorarkonsul der Ukraine in Baden-Württemberg

Marco Henry Neumueller: Lieber Willi, mit Dir und Deinem Cousin Johannes Prettl steht die 3. Generation seit einigen Jahren an der Spitze des Unternehmens. Wie gelingt eine Zusammenarbeit innerhalb der Familie?

Willi Prettl: Jeder Tag macht Spaß. Natürlich diskutiert man auch mal etwas heftiger. Das ist aber auch völlig normal, zumal verschiedene Sichtweisen aufeinandertreffen. Wir haben natürlich alle unterschiedliche Schwerpunkte und Meinungen, aber gerade dieser Mix macht es ja so spannend. Das Schöne daran ist aber, dass wir eine sehr offene und transparente Kommunikation untereinander pflegen. Man ist nie beleidigt und am Ende findet man immer eine Lösung. Wir versuchen stets den Aspekt der Tradition, also das, was sich bisher bewährt hat und erfolgreich war, mit neuen Aspekten zu kombinieren.

Marco Henry Neumueller: Gerade wenn mehrere Familienmitglieder in der Geschäftsführung tätig sind, ist es immer hilfreich, Ressorts als konkrete Verantwortung zuzuweisen. Wie habt ihr das bei Euch in der Prettl Group gelöst?

Willi Prettl: Personal, Marketing und PR sind beispielsweise in meiner Verantwortung. Auch kümmere ich mich um das Thema neue Geschäftsfelder. Das Thema Qualität liegt wiederum bei meinem Onkel als Techniker. Mein Cousin Johannes übernimmt das Thema Digitalisierung. Insofern gibt es bei uns klare Zuständigkeiten.

Darüber hinaus wollen wollen wir so viel wie möglich Handlungsspielraum in den einzelnen Unternehmen behalten. Alle Unternehmen sind für sich autark: PAS Bediensysteme, REFU, Endress Stromerzeuger, Jupiter Küchengeräte– dies sind alles Unternehmen, die für sich sehr eigenständig agieren und wenig zentrale Vorgaben bekommen.

Marco Henry Neumueller: Welchen Ratschlag würdest Du anderen NextGens geben, die sich überlegen, ob sie in das eigene Familienunternehmen einsteigen sollen? Welche Fragen sollten Sie stellen und mit welchen Themen sollten Sie sich auseinandersetzen?

Willi Prettl: Ein in meinen Augen wichtiger Aspekt: Sie müssen eine eigene gefestigte Meinung und Vision haben. Sie sollten ein klares Verständnis darüber haben, was sie bewegen wollen. Sie benötigen also eine klare Zielvorgabe für sich. An dieser sollten sie grundsätzlich festhalten, aber wo immer nötig auch hier und da nachjustieren. Ins Unternehmen sollte man nur dann einsteigen, wenn für einen selbst klar ist, welchen Beitrag man leisten möchte und auch leisten kann. Ich habe für mich das Thema Nachhaltigkeit erkannt. Mit drei Kindern ist einem das Thema sicherlich etwas präsenter; aber das war beispielsweise meine Motivation. Der Grund, warum ich jeden Tag gerne aufstehe.

Marco Henry Neumueller: Es gibt ja verschiedene Möglichkeiten des Einstiegs. Die einen haben nur das eigene Unternehmen gesehen und steigen direkt ein und die anderen sehen sich zunächst einmal in der Welt um und wählen dann den Einstieg. Welchen Weg hast Du gewählt?

Willi Prettl: Ich rate hier jedem ganz klar, zunächst einmal etwas anderes zu sehen. Ich würde mir insbesondere das Umfeld ansehen, was für mich interessant ist. Das habe ich auch so gemacht. Ich habe während meines Studiums beispielsweise bei MAHLE Behr gearbeitet und war nach dem Studium als ganz normaler Mitarbeiter bei Bosch in Japan tätig. Und dies ganz bewusst: Ich wollte unseren wichtigen Kunden besser verstehen.

Marco Henry Neumueller: Jedes Familienunternehmen hat eine spezifische Unternehmenskultur mit ganz eigenen Werten. Wie würdest Du die Kultur bei Prettl beschreiben und wie hat sich diese möglicherweise mit dem Generationswechsel, von der 2. auf die 3. Generation verändert?

Willi Prettl: Prettl versteht sich als ein Verbund eigenständiger Unternehmungen, welche für sich ein ganz klares Profil bzw. eine eindeutig definierte Strategie haben. Alle Unternehmen eint: sie wollen einen wesentlichen Beitrag zur Gesellschaft im Bereich Nachhaltigkeit leisten. Wir streben dabei nicht primär reine „Unternehmensgröße“ an, sondern möchten einen echten Mehrwert für unsere Kunden, welche wir als Partner verstehen, schaffen.  So ist beispielsweise die Firma „Endress Stromerzeuger“ nicht etwa der weltgrößte Hersteller von Notstromerzeugern (da gibt es Giganten wie Caterpillar), aber keiner der anderen Hersteller hat aus meiner Sicht so viel Kompetenz im Bereich HybridTechnologie (Verbindung Verbrennermotor mit Batterie) weil wir z.B. bei der REFU Elektronik seit vielen Jahren Umrichter (Inverter) entwickeln und vermarkten. Das macht die Gruppe so besonders und schlagkräftig für die Zukunft, weil sich die Unternehmen mit ihren Kompetenzen ideal ergänzen.

Als weiteres Beispiel möchte das Unternehmen Jupiter Küchenmaschinen unseres Unternehmensverbundes anführen. Jupiter steht für eine nachhaltige Lebensmittelzubereitung. Mit unseren Produkten sollen Lebensmittel komplett verarbeitet werden.  

Mit unserem Unternehmen PAS in Neuruppin fertigen wir für fast alle Waschmaschinenhersteller Bedienblenden: Kunststoff, Kabel, Elektronik. Dabei machen wir uns heute schon Gedanken darüber, wie wir all diese Materialien noch ressourcenschonender produzieren können. Wir alle wissen, in vielen Ländern landet eine ausrangierte Waschmaschine auf der Straße. Das wollen wir nicht.

Darüber hinaus sollen sich alle Geschäftsführer unserer Verbundsunternehmen als Unternehmer im Unternehmen sehen. Es sind starke Persönlichkeiten, die das Leitbild sind.

Beim Übergang von der 2. auf die 3. Generation möchte ich den klaren Fokus auf nachhaltige Geschäftsmodelle legen. Wie bereits ausgeführt, sehe ich unsere Kunden nicht als reine Kunden, sondern vielmehr als strategische Partner, mit welchen wir eng und transparent arbeiten bzw. wachsen möchten.   

Marco Henry Neumueller: Prettl sorgt mit seiner Initiative „PrettlGoZero“ ganz schön für Furore. Was steckt hinter dieser Initiative?

Willi Prettl: Zunächst einmal ist das nichts Neues für uns. Wir haben uns Ende 2019 dazu entschieden, aktiv darüber zu sprechen. Gemäß dem Motto: Tue Gutes und sprich‘ darüber. Unsere Mitarbeiter wissen das natürlich bereits. Aber auch unsere Kunden sollen wissen, was uns antreibt.

Dies schaffen wir, indem wir neben unseren internen Maßnahmen insbesondere mit solchen Kunden sehr eng und gerne zusammenarbeiten, welche eine klare Nachhaltigkeitsstrategie verfolgen (wie etwa Bosch, Miele, Hansgrohe, Viessmann) und gleichzeitig auf Zulieferer setzen, die sich diesem Thema voll annehmen. So arbeiten wir etwa ausschließlich mit dem Dienstleister für Arbeitnehmerüberlassung Job Impulse aus Mainz zusammen, da dieser eine eindeutige Nachhaltigkeitsstrategie umsetzt und uns diese überzeugt. An dieser Stelle möchte ich mich beim Inhaber und Geschäftsführer Alexander Wittker bedanken, der uns weltweit mit hoch motiviertem Personal in der Fertigung unterstützt. Ohne diese Unterstützung hätten wir das rasante Wachstum nicht stemmen können. Wir haben viele Leiharbeiter bei uns im Einsatz und gerade deswegen ist das für uns sehr wichtig.

Marco Henry Neumueller: Ihr habt Euch ja bewusst entschieden, Eure CO2 Neutralstellungsstrategie gemeinsam mit einem Partner anzugehen und umzusetzen. Warum ist die Wahl auf Bosch Climate Solutions als Partner gefallen?

Willi Prettl: Wir haben uns Ende 2019 mit Bosch getroffen und uns darauf verständigt, dass eine Zusammenarbeit sinnvoll ist. Zum einen verfügt Bosch über eine unglaublich hohe Fachkompetenz und Erfahrung mit diesem Thema im eigenen Konzern. Zum anderen hat uns die hohe Motivation und die große Einsatzbereitschaft der Bosch Climate Solutions vollkommen überzeugt. Ein besonderer Dank gilt Donya Amer, der Geschäftsführerin von Bosch Climate Solutions, die uns mit ihrem unternehmerischen, lösungsorientierten und pragmatischen Ansatz überzeugt hat.

Wir haben für uns eine verbindliche Zeitachse definiert, bis wann wir die Werke auf CO2-Neutralität umgestellt haben wollen. Wir sprechen hier übrigens von einer echten CO2-Neutralität. Den Kauf von Zertifikaten lehnen wir ab. Wenn man seine Partner nicht mit einbindet, kann man es allerdings kaum schaffen.

Marco Henry Neumueller: Wie sieht das Familienunternehmen Prettl im Jahre 2025 und 2030 aus? Welche Strategie verfolgt ihr? Gibt es ein Umsatzziel?

Willi Prettl: Sicherlich würden viele auf diese Frage antworten, dass Sie im Umsatz wachsen wollen. Das ist jedoch nicht mein primäres Ziel. Ich würde mich nicht auf das reine Umsatzwachstum beschränken wollen. Jedes Unternehmen der Prettl Group muss für sich eine Relevanz am Markt haben. Das ist mir das Wichtigste. Stellen wir uns eine Kette vor, muss jedes Unternehmen ein wichtiges Glied dieser Kette repräsentieren. Eine ganz besondere Vision treibt mich um. Wir alle kennen die kleine Plakette an den meisten PCs, auf der ein „Intel inside“ zu lesen ist. Meine Vision ist, dass irgendwann auf jeder Maschine ein „PAS inside“ zu lesen ist. Unser Verbundsunternehmen PAS als globaler Lieferant für Bedienblenden für Waschmaschinen und Trockner wird im Jahre 2025 der führende Hersteller im Bereich Kreislaufwirtschaft (Circular Economy) einnehmen, indem wie hier intelligente Lösungen anbieten werden.

Marco Henry Neumueller: Zum Abschluss eine sehr persönliche Frage: Gab es in Deinem Leben ein prägendes Erlebnis, an welches Du Dich gerne zurückerinnerst? 

Willi Prettl: Wenn man es genau nimmt, hat meine heutige Frau Karol vor Jahren schon den Grundstein für mein Tun gelegt. Als ich sie auf einer privaten Familienfeier kennenlernen durfte, war sie seinerzeit als Diplomatin für die kolumbianische Botschaft in Deutschland tätig. Gleichzeitig war sie auch Botschafterin für Nachhaltigkeit. Sicherlich wurde damals schon der Impuls für das ausgelöst, was für mich heute einen besonderen Stellenwert einnimmt und im Wesentlichen mein Handeln bestimmt.

Marco Henry Neumueller: Willi, ich danke Dir ganz herzlich für dieses offene Gespräch.

Über das Familienunternehmen PRETTL Group

Die Prettl Group ist eine Unternehmensgruppe aus Pfullingen, welche in den fünf Segmenten Automobilindustrie, Energie, Elektronik, Komponenten & Systeme sowie Strategic build-up aktiv ist. Nach dem Grundsatz des Unternehmensgründers Franz W. Prettl möchte sich die Gruppe von keinem Markt abhängig machen. Die Prettl-Gruppe ist mit derzeit über 9.500 Mitarbeitenden und rund 955 Millionen Euro Umsatz in mehr als 25 Ländern vertreten. Das Unternehmen befindet sich im Privatbesitz.

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