Dr. Marco Henry Neumueller mit Andreas Ronken (CEO, Ritter Sport)

FiFo Talk mit Andreas Ronken über folierte Autos, Nachhaltigkeit auf allen Ebenen und eine „Barbie-Edition“

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Andreas Ronken ist CEO der Alfred Ritter GmbH & Co. KG (Ritter Sport) in Waldenbuch.

Marco Henry Neumueller: Lassen Sie mich mit einer Frage starten, die sich förmlich aufdrängt: Wie steht es um ihren privaten Schokoladenkonsum und welches ist Ihre Lieblingssorte? Ich habe mal gelesen, Sie fahren einen knallgelben Audi in Anlehnung an die Sorte „Knusperflakes“. Ist das vielleicht schon die Antwort auf meine Frage?

Andreas Ronken: Das ist die vegane Roasted Peanut. Diese Sorte esse ich aktuell am liebsten. Wenn ich gerne dunkle Schokolade möchte, greife ich zu der „El Cacao 72%“. Das ist eine unserer Manufakturschokoladen. Für diese Schokoladen wird lediglich der Kakao aus eigenem Anbau verwendet. Auf Grund der kleineren Stückzahlen sind diese Sorten lediglich über unsere eigenen Verkaufskanälen erhältlich – natürlich auch online. Ich esse ungefähr eine halbe Tafel – meist nachmittags –

als Nachtisch. Dann lege ich auch mal wieder eine Schoko-Pause ein.

Nun zu den Autos, die Sie eben ansprachen. Ich fahre seit zehn Jahren folierte Autos. Immer wieder in neuen Farben entsprechend unseren neuen Sorten. Das war auch mal ein knallgelbes. Aktuell fahre ich einen VW ID. Buzz. Dieser wird aktuell noch foliert. Also immer das, was gerade gut auffällt und immer etwas Neues. 

Marco Henry Neumueller: Wie geht es dem Unternehmen aktuell und was sind Ihre mittel- bis langfristigen Pläne für das Unternehmen? 

Andreas Ronken: Wir sind in den letzten drei Jahre sehr stark gewachsen, über 75 Millionen Euro. Das Wachstum kommt hauptsächlich aus dem internationalen Bereich. Ich rechne stark damit, dass das auch so weitergehen wird. Wir werden die internationale Expansion weiter vorantreiben. Aktuell ist die Inflation ein Thema. Sie ist noch nicht vorbei, auch wenn man beispielsweise bei den Energiekosten einen rückläufigen Preis erkennen kann. Wir sehen für uns die Kosten bei Kakao, Zucker und natürlich auch bei den Löhnen stark steigend. Hier haben wir vermutlich den Peak noch nicht gesehen. Insofern sind wir bestrebt, die Kosten der Inflation über einen steigenden Umsatz zu kompensieren. Das ist wichtig, auch gerade als Mittelständler, sonst kommt man schnell in Schwierigkeiten.

Marco Henry Neumueller: Wenn man an das Unternehmen denkt, und insbesondere an die Marke Ritter Sport, denkt man zwangsläufig an Schokolade. Ist diese Einmarkenstrategie nicht auch irgendwo gefährlich? Und wie steht es um eine gewisse Form der Diversifikation. Warum nur Schokolade?

Andreas Ronken: Wir haben mittlerweile schon mehr als eine Marke. Seit etwa zweieinhalb Jahren gehört uns auch die Marke Amicelli. Wir konnten da ein Werk kaufen – inklusive der Marke Amicelli. Das ist ein Werk in Breitenbrunn in Österreich. Es spricht allerdings nichts dagegen, eine weitere Marke zu integrieren, wenn sie zu uns passt.

Darüber hinaus haben wir eigene Start-ups: Wir haben HaferHAPS. Das ist keine Schokolade. Das Produkt ist vielmehr im „Healthy Snacking“ Bereich angesiedelt. Wir haben aber auch Getränke im Sortiment, von unserem Start-up CacaoVida. Das sind Erfrischungsgetränke, die auf Kakaosaft basieren. Der Kakaosaft kommt dabei von unserer eigenen Plantage. Die Diversifikation ist also da. Vielleicht noch nicht für alle so sichtbar, weil die Hauptmarke RITTER SPORT im Fokus ist und weiterhin dominiert.

Marco Henry Neumueller: Sie haben durch exotische Sorten immer mal wieder von sich reden gemacht. Sei es mit einer Einhorn-Edition oder – passend zu Stuttgart –  der VfB-Aufstiegsschokolade. Wie ist die Resonanz auf solche Sondereditionen wirklich und lohnt sich die Stückzahl überhaupt wirtschaftlich?

Andreas Ronken: Ja. Die Resonanz ist sehr gut. Deswegen wollen wir das auch beibehalten und unseren Fans immer wieder eine Freude bereiten. Die Resonanz auf die Einhorn-Schokolade oder Hanf-Schokolade war faszinierend. Wir hatten viele verschiedene Editionen, wie zum Beispiel jetzt die „Pink & Fabulous-Edition“ ganz aktuell, die sehr populär ist. Wirtschaftlich lohnt sich das nicht. Wir sind aber eine Dialog-Marke. Unsere Fans haben Lust, mit uns in den Dialog zu treten und Einfluss auf die Sorten-Entwicklung zu nehmen. Das muss man unter Marketing oder Differenzierung verbuchen. Wenn wir diese kleinen Stückzahlen wirtschaftlich abbilden würden, dann würde das keiner bezahlen können.

Marco Henry Neumueller: Nun steht ja bald fast schon wieder Weihnachten vor der Türe. Können Sie mir ein kleines Geheimnis verraten, mit welchen neuen Sorten wir rechnen dürfen?

Andreas Ronken: Neue Sorten kommen ja permanent. Sie kommen auch nicht mehr nur zu Weihnachten. Wir werden im neuen Jahr eine ganz neue Product-Range launchen. Das wird sicherlich spannend. Es wird eine richtige Innovation, etwas komplett Neues. Aber sehen Sie es mir bitte nach, mehr kann ich dazu aktuell noch nicht verraten.

Marco Henry Neumueller: Wie steht es um das Thema Nachhaltigkeit bei Ritter Sport. Was tut das Unternehmen in diesem Zusammenhang alles?

Andreas Ronken: Zu diesem Thema könnte ich 5 Stunden referieren. Nicht zuletzt ist das unser Kern. In Fokus steht als Schokoladenhersteller natürlich der Kakao. Wir haben in Nicaragua eine eigene Plantage mit 450 Mitarbeitenden („El Cacao“). Das ist wahrscheinlich eine der größten Kakaoplantagen der Welt. Dort wollen wir beweisen, dass Nachhaltigkeit im Kakao möglich ist. Hier leisten wir wahre Pionierarbeit. Wir sind dort seit über zehn Jahren unterwegs. 2012 haben wir das Land erschlossen. Wir haben über 1 Million Bäume gepflanzt. Wir haben 80 Kilometer Schotterstraßen aus eigenen Steinbrüchen gebaut usw. In dieser Zeit haben wir sehr viel erlebt und müssen feststellen, dass das Klima an Äquator noch viel verrückter spielt als in unseren Breitengraden.

In der Endausbaustufe werden ungefähr 30 Prozent aus Nicaragua kommen. Wir haben aber, und das ist uns auch wichtig, feste Partnerschaften mit Bauern. Etwa 85 Prozent der Kakaobohnen beziehen wir aus festen Partnerschaften. Diese kommen von der Elfenbeinküste, aus Ghana; auch in Nicaragua kaufen wir zusätzlich von anderen Bauern auf. Auch Peru gehört dazu. Feste und langfristige Partnerschaften sind uns dabei wichtig. Nur so kann man auch wirksam im Ursprung etwas verändern.

Ein weiteres wichtiges Thema, das uns umtreibt, ist das Thema Klima. Wir sind schon heute ein bilanziell klimaneutrales Unternehmen. Ich persönlich mag diese Scope 1-, Scope 2- und Scope 3-Betrachtung (Anm. d. Red.: Das Greenhouse Gas Protocol (GHG-Protokoll), eine Partnerschaft zwischen dem World Resources Institute und dem Business Council for Sustainable Development, teilt die Treibhausgasemissionen in drei Bereiche) nicht. Wir sind auch der „Science Based Targets Initiativ (SBTI)“ beigetreten. Wir haben uns zum 1,5-Grad-Ziel verpflichtet. In unserem Fall bedeutet dies 42 Prozent totale Dekarbonisierung, also Reduzierung der Emissionen. Wie das geht? Nun, das geht nur über radikale Maßnahmen. Wir haben beispielsweise zwei Windkraftanlagen gekauft, mit denen wir unseren eigenen Strom produzieren. Wir haben auch unseren eigenen Solarpark gekauft. Wir werden somit nun unser Blockheizkraftwerk hier in den nächsten Jahren abstellen und dann nur mit elektrischer Energie aus Wärmepumpe, Solar und Windkraft Schokolade produzieren. Das ist ein wesentlicher Faktor. Hinzu kommt, dass wir bereits heute auf Kurzstrecken Elektro-Trucks einsetzen. Wir werden zukünftig auch auf Langstrecken E-Trucks einsetzen.

Einen Großteil machen wir partnerschaftlich mit unseren Vorlieferanten, das ist sozusagen unser Scope 3. Insbesondere bei Milchpulver. Um hier den Schritt zur Klimaneutralität bis 2030 gehen zu können, sind wir auf Kooperation angewiesen. In diesem Zusammenhang ist jeder gefordert. Wir haben einfach keinen Plan(eten) B. In meinen Augen sollte weniger geredet, sondern mehr gemacht werden. Jede und jeder kann hier einen Beitrag liefern. Wir für unseren Teil sind hier schon sehr gut unterwegs.

Ich bin seit über 30 Jahren in der Lebensmittelwelt unterwegs. Ich bin also so ein richtiger Foodie. Die Konsumenten sollten die Deklaration auf den Produkten lesen und auch verstehen können – auch wenn sie nicht vom Fach sind. Wir verwenden keine zugesetzten Stoffe, die Geschmäcker verstärken. Nicht weil diese Stoffe per se schlecht sind, sondern Schokolade braucht dies nicht. Kakao hat natürliche, leckere Aromen. Diese müssen nicht von anderen überlagert werden. Die Ingredienzen sollten möglichst schlank gehalten sein. Auch das hat etwas mit Nachhaltigkeit zu tun.

Erlauben Sie mir einen letzten Hinweis zu diesem umfassenden Thema: Für das Gebäude, in dem wir gerade sind, ist die Nachhaltigkeit zertifiziert. Wir haben das hier in allen Bereichen mitdenken können, weil es ein Neubau ist. Es ist auch komplett rückbaubar. Das waren nun einige, sicherlich noch nicht alle, Aspekte zum Thema Nachhaltigkeit.

Marco Henry Neumueller: Sie sind seit vielen Jahren familienfremder Manager in einem Familienunternehmen, das seit über 100 Jahren existiert. Welche Attribute muss ein Fremdmanager Ihrer Meinung nach mitbringen, um in einem solchen Setup erfolgreich sein zu können? 

Andreas Ronken: Viele Mitglieder aus Unternehmerfamilien, die die Rolle des CEO innehaben, haben es auch nicht einfach. In manchen Belangen haben sie es schwerer, in manchen vielleicht auch einfacher. Meiner Meinung nach liegt der Fokus bei einem CEO in Mittelstand auf der Strategie und somit steht die Aufgabe im Vordergrund. Natürlich muss jeder CEO ein gewisses Maß an emotionaler Intelligenz mitbringen, egal ob Familienmitglied oder familienfremder Manager. Um ehrlich zu sein, mag ich den Begriff Fremdmanager nicht sonderlich. Ich bevorzuge eher die Bezeichnung Wahlmanager. Sicherlich ist immer wichtig, dass man mit der Unternehmerfamilie gut auskommt. Das gilt aber auch für einen CEO aus der Familie. Vor diesem Hintergrund sehe ich keine so riesige Diskrepanz. Im Mittelstand braucht man eher einen professionellen Pragmatismus. Pragmatismus alleine genügt nicht, er muss professionell sein. Weiterhin muss man entscheidungsfreudig sein und sich irgendwo auch differenzieren. Man sollte insbesondere darauf achten, dass man keine „Konzerneritis“ bekommt. Der Mittelstand lebt von einfachen, schlauen Prozessen, die dann auch funktionieren und vielleicht ist der Mittelstand oft auch einfach in vielen Dingen schneller. Das sind einige Attribute, die ich für einen Manager im Mittelstand, im Familienunternehmen, als wichtig erachte.

Marco Henry Neumueller: Herr Ronken, ich danke Ihnen für das Gespräch und den Einblick in Ritter Sport.